Die Vokalharmonie (ünlü uyumu) ist eine Grundregel des Türkischen: Der Vokal einer Endung passt sich an den letzten Vokal des Wortes an. Deshalb heißt der Plural von ev (Haus) evler (Häuser), der von kitap (Buch) aber kitaplar (Bücher). So klingen die Wörter einheitlich und lassen sich flüssig sprechen. Da die meisten Endungen dieser Regel folgen, brauchst du sie vom ersten Plural an.
In diesem Artikel lernst du, welche türkischen Vokale hell und welche dunkel sind, wie die kleine Vokalharmonie (e oder a) und die große Vokalharmonie (i, ı, u oder ü) funktionieren und welche Endungen welcher Regel folgen. Danach siehst du die wichtigsten Ausnahmen und am Ende alle Regeln in einer Übersichtstabelle.
Inhaltsverzeichnis
Die 8 türkischen Vokale: hell oder dunkel, gerundet oder ungerundet
Wie im Artikel über das türkische Alphabet beschrieben, hat das Türkische 8 Vokale: a, e, ı, i, o, ö, u und ü. Zwei davon kennst du schon: ö und ü sprichst du genauso aus wie im Deutschen.
Für die Vokalharmonie zählt, wie ein Vokal gebildet wird. Drei Merkmale unterscheiden die türkischen Vokale:
- Helle und dunkle Vokale: Entscheidend ist, wo die Zunge liegt.
- Helle Vokale (e, i, ö, ü) bildest du mit der Zunge vorne im Mund.
- Dunkle Vokale (a, ı, o, u) bildest du mit zurückgezogener Zunge hinten im Mund.
- Offene und geschlossene Vokale: Entscheidend ist, wie viel Raum zwischen Zunge und Gaumen bleibt.
- Offene Vokale (a, e, o, ö) sprichst du mit weiter geöffnetem Mund und tiefer liegender Zunge.
- Geschlossene Vokale (ı, i, u, ü) sprichst du mit der Zunge nah am Gaumen.
- Ungerundete und gerundete Vokale: Entscheidend ist die Form der Lippen.
- Ungerundete Vokale (a, e, ı, i) sprichst du mit entspannten Lippen.
- Gerundete Vokale (o, ö, u, ü) sprichst du mit gerundeten Lippen.
Den Unterschied zwischen hellen und dunklen Vokalen kennst du aus dem Deutschen, ohne darüber nachzudenken: Nach a, o und u sprichst du das ch hinten im Mund wie in „Buch“, nach e, i, ö und ü vorne wie in „Bücher“. Im Türkischen bestimmt derselbe Unterschied den Vokal der Endung.
Daraus ergeben sich zwei Regeln: die kleine (zweifache) Vokalharmonie und die große (vierfache) Vokalharmonie. Welche gilt, hängt von der Endung ab. Die kleine Vokalharmonie achtet nur darauf, ob der letzte Vokal hell oder dunkel ist, und ihre Endungen haben die offenen Vokale e oder a. Die große Vokalharmonie achtet zusätzlich darauf, ob er gerundet ist, und ihre Endungen haben die geschlossenen Vokale i, ı, u oder ü. Beide richten sich nach dem letzten Vokal vor der Endung: Hängst du mehrere Endungen an, folgt jede dem Vokal direkt davor.
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Die kleine Vokalharmonie: Endungen mit e oder a
So funktioniert die kleine Vokalharmonie
Die kleine Vokalharmonie unterscheidet nur zwischen hellen und dunklen Vokalen. Endungen, die ihr folgen, haben zwei Formen: eine mit e und eine mit a. Ist der letzte Vokal des Wortes hell, bekommt die Endung ein e. Ist er dunkel, bekommt sie ein a.
Die Regel für die kleine Vokalharmonie:
- Ist der letzte Vokal des Wortes a, ı, o oder u, nimmst du die Form mit a.
- Ist der letzte Vokal des Wortes e, i, ö oder ü, nimmst du die Form mit e.
Endungen mit kleiner Vokalharmonie
Die kleine Vokalharmonie gilt unter anderem für diese Endungen:
- Plural: -ler / -lar
- ev (Haus) + -ler = evler (Häuser) – e → e, hell
- kitap (Buch) + -lar = kitaplar (Bücher) – a → a, dunkel
- Dativ: -e / -a (beantwortet „wem?“ und „wohin?“; nach einem Vokal steht ein y davor)
- anne (Mutter) + -e = anneye (der Mutter, zur Mutter) – e → e, hell
- araba (Auto) + -a = arabaya (zum Auto, ins Auto) – a → a, dunkel
- Lokativ: -de / -da (beantwortet „wo?“ und ersetzt Präpositionen wie „in“ oder „bei“)
- şehir (Stadt) + -de = şehirde (in der Stadt) – i → e, hell
- oda (Zimmer) + -da = odada (im Zimmer) – a → a, dunkel
- Ablativ: -den / -dan (beantwortet „woher?“, auf Deutsch meist „von“ oder „aus“)
- göl (See) + -den = gölden (vom See, aus dem See) – ö → e, hell
- ağaç (Baum) + -dan = ağaçtan (vom Baum) – a → a, dunkel
Bei ağaçtan (vom Baum) ändert sich auch ein Konsonant: Nach den stimmlosen Konsonanten ç, f, h, k, p, s, ş und t wird das d von Lokativ und Ablativ zu t (Konsonantenangleichung). Der Vokal folgt trotzdem der kleinen Vokalharmonie.
Die große Vokalharmonie: Endungen mit i, ı, u oder ü
So funktioniert die große Vokalharmonie
Die große Vokalharmonie berücksichtigt zwei Merkmale des letzten Vokals: ob er hell oder dunkel und ob er gerundet oder ungerundet ist. Endungen, die ihr folgen, haben deshalb vier Formen: mit i, ı, u oder ü.
Die Regel für die große Vokalharmonie:
- Ist der letzte Vokal des Wortes e oder i, nimmst du die Form mit i.
- Ist der letzte Vokal des Wortes a oder ı, nimmst du die Form mit ı.
- Ist der letzte Vokal des Wortes o oder u, nimmst du die Form mit u.
- Ist der letzte Vokal des Wortes ö oder ü, nimmst du die Form mit ü.
Endungen mit großer Vokalharmonie
Die große Vokalharmonie gilt unter anderem für diese Endungen:
- Possessivendung für „dein“: -in / -ın / -ün / -un
- ev (Haus) + -in = evin (dein Haus) – e → i, hell und ungerundet
- okul (Schule) + -un = okulun (deine Schule) – u → u, dunkel und gerundet
- Possessivendung für „mein“: -im / -ım / -üm / -um
- kitap (Buch) + -ım = kitabım (mein Buch) – a → ı, dunkel und ungerundet; hier wird das p vor dem Vokal zu b (Konsonantenerweichung)
- gül (Rose) + -üm = gülüm (meine Rose, auch ein Kosewort) – ü → ü, hell und gerundet
- Akkusativ: -i / -ı / -ü / -u (nur beim bestimmten Objekt; nach einem Vokal steht ein y davor)
- kedi (Katze) + -yi = kediyi (die Katze, als bestimmtes Objekt) – i → i, hell und ungerundet
- su (Wasser) + -yu = suyu (das Wasser, als bestimmtes Objekt) – u → u, dunkel und gerundet
- Genitiv: -in / -ın / -ün / -un (nach einem Konsonanten sieht er aus wie die Possessivendung für „dein“; was gemeint ist, zeigt der Satz)
- ev (Haus) + -in = evin (des Hauses) – e → i, hell und ungerundet
- okul (Schule) + -un = okulun (der Schule) – u → u, dunkel und gerundet
- Endung für „ohne“: -siz / -sız / -süz / -suz
- su (Wasser) + -suz = susuz (ohne Wasser) – u → u, dunkel und gerundet
- ışık (Licht) + -sız = ışıksız (ohne Licht) – ı → ı, dunkel und ungerundet
- gül (Rose) + -süz = gülsüz (ohne Rosen) – ü → ü, hell und gerundet
- ev (Haus) + -siz = evsiz (obdachlos, wörtlich „ohne Haus“) – e → i, hell und ungerundet
- Endung für „mit“: -li / -lı / -lü / -lu
- şeker (Zucker) + -li = şekerli (mit Zucker) – e → i, hell und ungerundet
- yağ (Öl, Fett) + -lı = yağlı (fettig, mit Öl) – a → ı, dunkel und ungerundet
- göl (See) + -lü = göllü (mit einem See) – ö → ü, hell und gerundet
- bal (Honig) + -lı = ballı (mit Honig) – a → ı, dunkel und ungerundet
- Fragepartikel: mi / mı / mü / mu (wird getrennt geschrieben, folgt aber der großen Vokalharmonie)
- ev (Haus) + mi = ev mi? (Ist es ein Haus?) – e → i, hell und ungerundet
- oda (Zimmer) + mı = oda mı? (Ist es ein Zimmer?) – a → ı, dunkel und ungerundet
- gül (Rose) + mü = gül mü? (Ist es eine Rose?) – ü → ü, hell und gerundet
- su (Wasser) + mu = su mu? (Ist es Wasser?) – u → u, dunkel und gerundet
Ausnahmen von der Vokalharmonie
Die Vokalharmonie regelt vor allem die Endungen. Viele Wortstämme mischen helle und dunkle Vokale, etwa kitap (Buch) oder anne (Mutter). Für die Endung zählt trotzdem nur der letzte Vokal: kitaplar (Bücher), anneye (der Mutter).
Echte Ausnahmen gibt es vor allem bei Lehnwörtern, meist aus dem Arabischen oder Französischen. Bei diesen Wörtern bekommt die Endung einen hellen Vokal, obwohl der letzte Vokal dunkel ist:
- kalp (Herz) + -ler = kalpler (Herzen)
- hayal (Traum) + -ler = hayaller (Träume)
- alkol (Alkohol) + -ler = alkoller (Alkohole)
- seyahat (Reise) + -ler = seyahatler (Reisen)
- saat (Uhr, Stunde) + -ler = saatler (Uhren, Stunden)
Diese Wörter bekommen auch bei den anderen Endungen die hellen Formen. Am besten lernst du sie gleich mit ihrem Plural. Auch einzelne Endungen passen sich nur zum Teil an: Beim Präsens auf -iyor (şimdiki zaman) folgt das i der großen Vokalharmonie, das o bleibt immer gleich.
Fazit: die Regeln der Vokalharmonie im Überblick
Die Vokalharmonie ist eine der Grundregeln des Türkischen: Von der Pluralendung bis zur Fragepartikel richtet sich der Vokal der Endung nach dem letzten Vokal davor. Die kleine Vokalharmonie wählt zwischen e und a, die große zwischen i, ı, u und ü. Wenn dir das am Anfang viel vorkommt: Mit jedem Text, den du liest, und mit jeder Übung findest du die richtige Endung sicherer. Diese Tabelle fasst die Regeln zusammen:
| Letzter Vokal des Wortes | Kleine Vokalharmonie (Dativ: „wohin?“) | Große Vokalharmonie (Akkusativ: bestimmtes Objekt) |
| a (araba, Auto) | a (arabaya, zum Auto) | ı (arabayı, das Auto) |
| e (ev, Haus) | e (eve, nach Hause) | i (evi, das Haus) |
| ı (kız, Mädchen) | a (kıza, zum Mädchen) | ı (kızı, das Mädchen) |
| i (gemi, Schiff) | e (gemiye, zum Schiff) | i (gemiyi, das Schiff) |
| o (top, Ball) | a (topa, zum Ball) | u (topu, den Ball) |
| ö (göl, See) | e (göle, zum See) | ü (gölü, den See) |
| u (su, Wasser) | a (suya, ins Wasser) | u (suyu, das Wasser) |
| ü (gül, Rose) | e (güle, zur Rose) | ü (gülü, die Rose) |
Als Nächstes: die Konsonantenangleichung im Türkischen, also die Regel hinter dem t in ağaçtan (vom Baum).